Stadtleben am Wendepunkt Wie verändert Corona das Stadtleben

von Robert Heimhuber
02.10.2020

Wir wollten von Ihnen wissen: Wie verändert sich in der Corona-Krise Ihre Stadt oder Ihr Dorf? Sie haben geantwortet. Ein Ausschnitt aus den vielen Zuschriften an die FAZ.

Wie wird die aktuelle Situation unsere Einstellung zum Wohnen und unsere Ansprüche an die Stadt verändern? Dieser Frage sind wir vergangene Woche in acht Thesen nachgegangen und haben die Leserinnen und Leser um ihre Beobachtungen und Einschätzungen gebeten. Besonders das Thema Mobilität hat viele von Ihnen beschäftigt. Aus den vielen Zuschriften haben wir einige Auszüge zusammengestellt. Hier haben Sie das Wort!

Die Innenstadt als Kiez

Die großen Kaufhäuser und Geschäfte in den Innenstädten werden unattraktiv, auch wegen des Online-Handels. Ich würde mir wünschen, dass die Innenstädte in Zukunft wieder bewohnt werden: Wohnungen, gemütliche Plätze, kleinere Geschäfte für den täglichen Bedarf. Die Innenstadt wäre dann eine Art „Stadtteil“, in den nicht mehr Massen von Menschen zum Shoppen fahren. Natürlich wäre das eine schlechte Nachricht für die Eigentümer von Geschäftsimmobilien in den Innenstädten. Vielleicht ist das ein Gedanke, der in eine andere Richtung geht als Ihre Thesen. (Stephan Schmitz, Köln)

Digital und lokal

Realistisch betrachtet wird „die neue Welt“ vieles an Veränderungen mitbringen, ein anderes Selbstverständnis für digitales Arbeiten und damit künftig auch mehr Heimarbeit, da die Erfahrung zeigt, dass es funktioniert und damit künftig auch Arbeitgebern Büro- und Reisekosten spart. Auch das Einkaufsverhalten der Menschen wird sich ändern, zum einen wird es mehr Online-Shopper geben, die nicht mehr wie früher in die Stadt gehen, zum anderen jene, die ihre lokalen Geschäfte im Viertel viel mehr noch und mit einem anderen Bewusstsein als früher unterstützen, da sie sich wünschen, dass diese in ihrem Kiez bleiben. (Stefanie Symannk, Frankfurt)

Triumph des Automobils!

Das Auto als privater Raum, in dem gependelt und gelebt wird, könnte einer verlorenen Ästhetik der Zwischenstadt, in Form von McDrive-Angeboten, Doppelgarage und Carloft zu einem neuen Glanz verhelfen. (Tarek Abu Ghazaleh, Oldenburg)

Triumph des Automobils?

Als vierundzwanzigjährige Studentin, die derzeit im strengen „Confinement“ (Ausgangssperre) in Frankreich festsitzt, schaue ich nicht ohne Neid auf meine Freundinnen in Deutschland, die zu ihren Familien aufs Land gefahren sind und dort die Tage im Grünen verbringen. Einen weiteren Punkt, den Sie ansprechen, finde ich fast noch wichtiger: Die wiederentdeckte Bedeutung individueller Mobilität beziehungsweise des Autos. Ich war immer davon überzeugt, dass ich kein Auto brauche, da in der Stadt alles mit dem ÖPNV und dem Fahrrad und ansonsten auch alles mit dem Zug erreichbar ist. Unter dem Eindruck des „Confinements“ denke ich tatsächlich darüber nach, ein Auto anzuschaffen, da ich nicht glaube, dass die Mobilitätssituation sich sehr bald verbessern wird. Aber ich frage mich, ob wir wollen, dass der Trend für zukünftige Wohn-, Lebens- und Mobilitätskonzepte nur zum „Häuschen auf dem Land mit zwei Autos vor der Tür“ geht. (…) Allerdings hoffe ich, dass nicht nur die Bewegung zum Althergebrachten, sondern auch Bewegungen nach vorne zum Innovativen daraus entstehen werden. (Nicole Lemke, Grenoble)

Mehr Grün – überall

In dieser Zeit wird überdeutlich, dass es für den Menschen in der Stadt kaum noch Raum gibt. Den größten Anteil beanspruchen immer noch Pkws in Form von Parkflächen, Parkhäusern, riesenhaften Kreuzungsanlagen mit oder ohne Kreisel. Einfachste Lösung hierfür: Autos raus aus der Stadt, kein Individualverkehr in der bisherigen Dimension. Oder Parkhäuser und Flächen so gestalten, dass sie den öffentlichen Raum erweitern und multifunktional genutzt werden. Samstags parken, sonntags Badminton spielen oder Basketball. Grünstreifen nutzbar für Anwohner machen. Gemüse statt Rosenbeete. Dachbegrünung, hängende Gärten sind leicht umsetzbar. Statt Verdichtung wäre es sicher sinnvoll, den steuerlich attraktiven Leerstand von Gewerbeflächen und Gebäuden strikt zu bekämpfen. Mittlerweile fehlen sogar in den Dörfern Grünflächen, da der Trend zum Einfamilienhaus an den Rändern ungebrochen ist. Folge davon: Leerstand im Ortskern, Wegfall von frei nutzbaren Grünflächen und auch hier wieder Bereicherung einiger weniger. (Stephanie Sellinger, Dienheim)

Kleinstzentren als Chance

Eine Krise wie die jetzige stellt einen Einschnitt dar, der in mehr als einer Beziehung zu einem gesellschaftlichen Wendepunkt werden könnte. Ich sehe enorme Potentiale in der Schaffung lokaler Kleinstzentren, angelehnt an den Gedanken des „Supermarktes auf der grünen Wiese“: Ein ebenerdiger Supermarkt mit zugehörigem Kundenparkplatz wird überbaut mit einem Coworking-Space, der über eine Internetplattform halbtags und in verschiedenen Stückelungen gebucht werden kann. Dort stehen Video Conferencing, Virtual Reality und Teamarbeitsmöglichkeiten zur Verfügung, die für anspruchsvolle Einzelarbeit ebenso wie für Meetings genutzt werden können. Zugleich können hier, zum Beispiel im ländlichen Raum, Präsenzsprechstunden eines Arztes oder des Bürgerbüros eingerichtet werden. Neben dem Markt befindet sich eine Packstation, in der sich Versandhändler und Lieferdienste nach Bedarf einmieten können. Bei entsprechender Größe der Anlage wäre sogar noch eine Halbtagskinderbetreuung angliederbar, und auch lokale Buslinien würden dort eine Haltestelle haben. So würde die Notwendigkeit vieler Fahrten in den Innenstadtbereich entfallen, Lieferdienste würden nicht mehr die Spielstraßen der Vorstädte verstopfen und es entstünden kleine lokale Zentren, die relativ autark – eventuell sogar versorgt mit regenerativen Energien – existieren könnten. (Christian Fronober, Düsseldorf)

Smarte Stadt noch weit weg

Trotz der immer wieder gern zitierten Chancen der Digitalisierung kann man sagen: Die Städte sind weit weg von einer tatsächlichen Implementierung von Smart-City-Konzepten. Noch immer gibt es zwischen Frankfurt Flughafen und Frankfurt Hauptbahnhof weder im Auto noch im Zug Empfang, digitale Services von Stadtverwaltung und Dienstleistern sind nicht besser als irgendwo sonst. Häufig sind sogar kleine Rathäuser und Bürgerbüros gegenüber bürokratischen großen Organisationen weit überlegen. (Familie K., Erlensee)

Smart City rückt näher

Die Auswirkungen der Corona-Krise werden wahrscheinlich auch die Funktionsweise der Städte beeinflussen. Corona könnte jene Prozesse, die unter dem Begriff „Smart City“ seit einiger Zeit diskutiert werden, beschleunigen und intensivieren. Die Grenzen zwischen Wohnen, Arbeiten und Bildung werden stärker verschwimmen, ein Szenario, das als derzeit coronabedingte Blaupause auch nachhaltig eine breitere Entfaltung erfahren könnte. Das Stadtleben wird in den nächsten Dekaden – durch Corona vielleicht sogar noch früher – virtueller und weniger physisch. Das bezieht sich auf Ämter genauso wie auf Bildung, Wohnen und Arbeiten. Lieferketten für Waren des täglichen Bedarfs könnten sich ändern. Der Individualverkehr wird in den Ballungszentren zurückgehen und der ÖPNV gestärkt. Trotz allem: Die Grundfunktion der Stadt bleibt erhalten. Ihre Funktionen werden sich nicht extrem verändern, aber es werden andere Mittel genutzt. Um jedoch „smart“ werden zu können, brauchen Städte und Gemeinden flächendeckend die notwendige Basisinfrastruktur, um künftig gewünschte Nutzungsoptionen, wie Homeoffice, Smart Home oder Telemedizin, überhaupt umsetzen zu können: den Breitbandausbau. Hier ist Deutschland derzeit nur unteres Mittelmaß. (Dr. Oliver Rottmann, Leipzig)

Mehr Dorf in der Stadt

Mein Fazit ist ein Plädoyer für mehr „Dorf“ im Städtischen und mehr Miteinander der Generationen – auf modernste und technisch vernetzte Weise mit nachhaltigem Ansatz und dem aus dieser Pandemie-Erfahrung gewachsenen Wissen um die Kostbarkeit des menschlichen Miteinanders im Bewusstsein um die hohe Qualität, die eine Symbiose aus Umwelt und Wohnen bietet. (Susan Zerwinsky, Mannheim)

Verbot als Freiheit

Möglicherweise erhalten Verbote einen neuen „Frame“, gerade solche, die sich auf Mobilität und Verkehr beziehen: Mein Verbot ist meine Freiheit. Sperrung von Verkehrsraum für motorisierten Verkehr könnte als Inspiration im wahren Sinne empfunden werden. Mehr Homeoffice ermöglicht Verkehrsreduzierung und diese die Umwidmung von Fahrbahnen zu Grünstreifen, Fahrrad- und Laufstrecken. Stadtbewohner erleben ihr Viertel an Homeoffice-Tagen neu, genießen es, nach draußen zu gehen in den Pausen und am frühen Feierabend. Einpendler erleben die Innenstadt an Office-Tagen neu. Vielleicht werden Zeitkontigente und -konten für das Ein- und Auspendeln begrüßt. Es bedeutet Regulierung, aber wie gesagt: Mein Verbot ist meine Freiheit. (Manuel Baumeister, Düsseldorf)

Weg von der Wohnhalle

Ich habe mich schon lange gefragt, was die Leute mit diesen „Wohnhallen“ samt offenen Küchen mit Theke wollen. So, wie der Trend sich nach dahin ausbreitete, wird er sich sowieso wieder zurückentwickeln zu einzelnen Zimmern. Das hatte sich ja bereits vor mehr als hundert Jahren schon bestens bewährt. Solche Wohnhallen sind für Familien mit Kindern nicht sehr gut geeignet. (…) Corona gibt Anlass zur Frage, ob wir so weitermachen wollen wie vorher. Das ist ein sehr guter Ansatz. (T.S., Köln)

Stadt bleibt Sehnsuchtsort

Im März war es beschlossene Sache: Die Schulen würden schließen. Wir würden zu viert in einer 3-Zimmer-Wohnung in München-City sitzen. Ein Kinderzimmer für zwei Kinder. Kein Büro. Ein Minibalkon. Die Spielplätze würden schließen. Zwei Erwachsene im Homeoffice. Ein Kind mit Homeschooling. Ein Kind im Krippenalter. Der reinste Albtraum. „Kommt zu uns!“, sagen meine Eltern am Telefon. Ich zögere keine Minute. Noch in der Nacht, bevor das offizielle Kontaktverbot verkündet wird, fahren wir aufs Land. In ein 1000-Seelen-Dorf. Umgeben von Hügeln und Weinbergen. Jeder kennt jeden. Ein Dorf, das ich mit achtzehn unbedingt verlassen wollte. Zu klein. Zu eng. Zu wenig los. Die nächste Großstadt: Frankfurt oder Stuttgart. Das erweist sich jetzt als Segen. Ich arbeite im Homeoffice. Entspannt. Die Eltern in Rente, betreuen die Kinder. Die Kinder streicheln Pferde, Kühe, Schafe. Wandern durch Wälder, entdecken Fuchslöcher, Blindschleichen. Umsorgt balancieren sie auf jeder Mauer. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Wir erleben den Frühling. Der Kirschbaum vorm Haus blüht. Irgendwann auch die Rapsfelder. Es wird warm, wir haben keine Sandalen dabei. Irgendwer im Dorf leiht uns welche. Die Knie sind verschrammt, die Haut braun. Sie besuchen den Friedhof, da liegt meine Oma. Die Blumen werden gegossen. Im Garten entdecken sie eine tote Maus. Die Maus sieht aus, als ob sie betet. Sie wird würdig begraben, mit Blumen verziert. Irgendwie werden sie richtig glückliche Landkinder. Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Nach sechs Wochen: Meine Nachbarin in München erzählt von den Balkonkonzerten. Die Kinder im Hof fahren Fahrrad mit Mundschutz. Ich will zurück in die Stadt. Ich liebe mein Dorf, aber sechs Wochen reichen. Die Kinder sind traurig. Ich bin es ein bisschen. Das Leben geht weiter. (Jennifer Bader, München)

Privat und öffentlich auf dem Dorf

Auch auf dem Dorf rückt gerade jetzt das Gegenstück zur Privatsphäre, der öffentliche Raum, verstärkt ins Bewusstsein, wenn Spielplätze, Dorfgemeinschaftshäuser und kommunal unterhaltene Vereinsräumlichkeiten geschlossen sind. Hinweisschilder der Gemeindeverwaltung und Flatterband führen die Bedeutung dörflicher Öffentlichkeit deutlicher vor Augen als deren Selbstverständlichkeit vor den Infektionsschutz-Maßnahmen.

Doch dem Ausnahmezustand und dem allgemeinen Wandel zum Trotz bleibt die Polarisierung von Öffentlichkeit und Privatheit, wie sie in Soziologie und Humangeographie mit Blick auf die Großstadt beschrieben worden ist, auf dem Land nach wie vor geringer ausgeprägt. Zwar gibt es den Landwirt, der seine hausnahe Wiese lange vor dem bevorstehenden Viehumtrieb mit einem Elektrozaun absteckt, um die Grünfuttermahd vor picknickenden Städtern zu schützen. Unter den Alteingesessenen im Ortskern bleiben die Grundstücksgrenzen zwischen Dorfstraße und Hofreiten aber weiterhin permeabel. Wo der Aperitivo als spontan angebotenes Flaschenbier daherkommt, dienen offene Vorgärten und tagsüber geöffnete Hoftore auch jetzt als informale Kommunikationsorte für dort Wohnende und Vorbeikommende. Fernab städtischer Verabredungskultur wird der Plausch dabei noch nicht mal bewusst als Gegenpol zur coronabedingten Technisierung von Alltagskommunikation wahrgenommen. Und Gartenklappstühle und ausgediente Melkschemel hat man genügend, um auf der Verbundpflasterfläche vor dem Haus ein spontanes Beisammensein mit ausreichendem Körperabstand zuzulassen. Dort wo Google Maps für die Dorfschenke längst „Dauerhaft geschlossen“ anzeigt, fällt der behördliche Lockdown im Gaststättengewerbe nicht auf. Was in der Großstadt Jugendzentrum oder Shopping Mall sind, ist für die Dorfjugend die mit angekokelten Nut-und-Feder-Brettern paneelierte Bushaltestelle am Wendehammer. Die hat immer geöffnet, und wo man verkehrspolizeilich unbehelligt helmlos Mofa fahren kann, befürchtet niemand eine ordnungsamtliche Bußgeldbewehrung wegen Verstoßes gegen das Versammlungsverbot. Obgleich bei solchen Ansammlungen die Anderthalb-Meter-Regel beachtet wird, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Denn der weltabgeschiedenen Renitenz der Landbevölkerung ist auch in Krisenzeiten ein tradiertes Pflichtbewusstsein zur Seite gestellt. Zumal die möglichen persönlichen Konsequenzen der Epidemie umfassender sind, wenn die hochbetagten und damit zur Risikogruppe gehörenden Nachbarn keine anonymen Adressaten eines Aushangs im Treppenhaus, sondern so etwas wie dritte Großeltern sind. (Stefan Hebenstreit, Bensheim)

Quelle: https://www.faz.net

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