Grüne Häuser gegen jede Konvention

von Robert Heimhuber
10.01.2020

Nachhaltig bauen

Bauen mit Stroh, Lehm oder Erde gilt vielen immer noch als exotisch. Dabei sind natürliche Baustoffe mehr als nur klimafreundlich. Der Weg zum Öko-Häuschen kann allerdings steinig sein.

Zu wohnen wie ein Hobbit hat seine Vorteile. Robert Sengotta kann seine Salsa-Partys feiern – und die Nachbarn haben dennoch ihre Ruhe. Dafür sorgen Tonnen von Erde und Beton und dreiglasige Fenster. “Der Schallschutz ist außergewöhnlich gut”, sagt der Softwareentwickler über sein Erdhaus in Günzburg (Bayern). Es dringt so gut wie nichts heraus oder herein.

Ein wenig erinnert Sengottas Eigenheim an die Höhlen, die Frodo und seine Freunde im Epos “Herr der Ringe” bewohnen. Es ist ein Erdhügel mit einer großen Fensterfront gen Süden. Diese Ausrichtung sorgt für eine alles andere als höhlentypische Helligkeit. “Dass es hier dunkel ist, ist ein weit verbreitetes Vorurteil”, versichert Sengotta. Im Gegenteil, “überdurchschnittlich hell” sei es.

Erdhäuser sind in Deutschland eine Seltenheit – auch Sengotta bezeichnet sie als “exotisch”, was aber nicht unbedingt etwas mit ihren inneren Werten zu tun hat, sondern mit den Vorstellungen, wie ein Haus auszusehen hat. Unter einem Erdhügel wohnen, das ist nicht gerade das, was viele unter einem modernen Wohngebäude verstehen.

Zurück zu den Ursprüngen

Dabei sei das eine sehr alte Bauweise, sagt der Bauingenieur Klaus-Jürgen Edelhäuser aus Rothenburg ob der Tauber. Sie geht auf das ganz ursprüngliche Verhalten der Menschen zurück, in Höhlen Schutz zu suchen. “Die Bauweise galt irgendwann nicht mehr als sexy, doch heute findet man dazu zurück.”

Das betrifft nicht nur Erdhäuser, die tatsächlich eher eine kleine Nische darstellen, sondern auch Lehm und Stroh als Grundbaustoff. “Sie waren in mittelalterlichen Gebäuden gang und gäbe”, sagt Edelhäuser und fügt hinzu: “In den vergangenen Jahren erleben sie eine Renaissance – und werden immer beliebter.”

Auch die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) nutzt den Renaissance-Begriff. Die in den 90er-Jahren auf Initiative der Bundesregierung ins Leben gerufene FNR betreut Forschungsvorhaben rund um das Thema nachwachsende Rohstoffe. Um eine “Revolution” aber handele es sich nicht, sondern um ein “langsames, stetiges Umdenken”.

Zahlen wie jene vom Fachverband Strohballenbau illustrieren beispielhaft, dass noch Luft nach oben besteht: Der Verband schätzt die Zahl strohgedämmter Gebäude in Deutschland auf 900 bis 1500. Zum Vergleich: Der Bestand an Wohngebäuden liegt bei rund 19 Millionen.

Klimadebatte als Katalysator

Durch die Debatte um mehr Klimaschutz rücken die traditionellen Bauweisen mit Lehm, Stroh oder Erde und damit der möglichst große Verzicht auf konventionelle Baustoffe wieder vermehrt in den Fokus. Die natürlichen Baustoffe seien besonders klimafreundlich in ihrer Herstellung und Entsorgung, erklärt Edelhäuser, der im Vorstand der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau sitzt. Darüber hinaus würden sie ohne hohen Energieaufwand produziert.

Natürlich gewachsene Stoffe wie Stroh oder auch Dämmstoffe aus Holz oder Jute haben außerdem einen sogenannten CO2-Senkeneffekt. Während des Wachstums spalten die Pflanzen Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff und Kohlenstoff auf – den Sauerstoff geben sie ab, den Kohlenstoff binden sie. Dieser bleibt auch solange gebunden, wie das Gebäude steht, erläutert Anna Wolff von der Deutschen Umwelthilfe.

Vorzüge und Herausforderungen

Doch allein das gute Gewissen, etwas fürs Klima getan zu haben, dürfte die meisten Bauherren nicht überzeugen. Alternative Baustoffe haben jedoch auch gewisse praktische Vorzüge. Lehm zum Beispiel: “Der trägt zu einem angenehmen Raumklima bei, weil er eine hervorragende Feuchtepufferung hat”, beschreibt Bau-Ingenieur Edelhäuser.

Auf der anderen Seite haben die Stoffe gewisse Anfälligkeiten, auf die Planer Rücksicht nehmen müssen. Bei Stroh und Lehm zum Beispiel sei der Feuchteschutz wichtig, sagt Edelhäuser. “Stroh verschimmelt, wenn es nass wird und nicht mehr abtrocknen kann. Lehm wiederum quillt auf, wenn er massiver Feuchte ausgesetzt ist.”

Wie lässt sich dem begegnen, und zwar auf möglichst nachhaltige Art und Weise? Edelhäuser schlägt hier zum Beispiel einen größeren Dachüberstand vor, um die Fassade besser vor Regen zu schützen. Generell stoßen natürliche Materialien aber im feuchtekritischen Bereich, etwa beim Fundament, an ihre Grenzen.

“Da fehlt es noch an Innovationen”, sagt René Görnhardt, Baustoffexperte der FNR. So seien Alternativen, beispielsweise ein Textilbeton mit Flachs als Verstärkung, noch nicht ausgereift genug, um zeitnah im Einfamilienhausbau zum Einsatz zu kommen.

Das heißt: Beim Fundament geht es noch kaum ohne Beton. “Und da wissen wir ja, dass er nicht gerade ein ökologischer Stoff ist”, sagt Görnhardt. Man könne zwar ein Streifenfundament mit weniger Beton als Basis nutzen oder ein Haus ganz ohne Bodenplatte planen. Das sei technisch durchaus möglich, werde aber eher selten umgesetzt.

Kein Schwarz-weiß-Denken bei der Planung

Ist ein Gebäude überhaupt noch nachhaltig, wenn konventionelle Baustoffe verbaut wurden? Für Klaus-Jürgen Edelhäuser lautet die Antwort: ja. Er möge diese Art von “Schwarz-Weiß-Denken” nicht.

Der Bau-Ingenieur führt das an einem Beispiel aus: Selbst wenn man ein Haus sehr schonend baut und zum Beispiel in der Wärmedämmung auf Schafwolle, Schilfrohr oder Hanf setzt, Rahmen sowie Verkleidung aus Holz konstruiert und Faserputze nutzt, “wird man sehr wahrscheinlich ein Bad aus Fliesen haben, mit Silikon- und Folienabdichtungen”. So werde einfach ein gewisser Wohnkomfort sichergestellt und das sei auch nichts Negatives. Das Gebäude sei dennoch nachhaltig.

Auch zu Beton hat Edelhäuser eine klare Meinung. “Natürlich hat er eine schlechte CO2-Bilanz – etwa wegen der Hochofenprozesse bei der Zement-Herstellung. Deshalb sollte man ihn als Baustoff jedoch nicht verteufeln.” Er sei auch bei nachhaltig geplanten Bauten eine Option, die sinnvoll und vor allem wirtschaftlich ist.

Wie sieht es eigentlich mit den Kosten für alternative geplante Häuser aus? “Vor zwei, drei Jahren hätte ich noch gesagt, sie sind teurer als konventionelle Bauweisen”, sagt Edelhäuser. Inzwischen sei das Angebot an Baustoffen aber gewachsen, die Produkte seien zum Teil günstiger geworden. “Sie sind nicht mehr unbedingt teurer.” Und im Unterhalt seien alternativ gebaute Häuser sogar im Vergleich zu konventionellen Gebäuden teilweise günstiger.

Engagierte Planer mit Fachwissen finden

Ohne Planer und Handwerker, die sich mit alternativen Bauweisen auskennen, gelingt der nachhaltige Hausbau aber kaum. FNR-Experte René Görnhardt empfiehlt bei der Suche Branchenverbände wie den Dachverband Lehm oder den Fachverband Strohballenbau als erste Anlaufstellen. “Die versammeln Handwerker sowie Planer unter ihren Dächern, die über jahrelange Erfahrung in dem Bereich verfügen und sich für die jeweilige Bauweise engagieren”, begründet er.

Bauherr Robert Sengotta betont: “Man muss einen aufgeschlossenen Planer finden, der bereit ist, sich einzuarbeiten oder sich mit dem Thema gut auskennt.” Er habe seinerzeit vieles in Eigenregie geplant und gebaut.

Bei seinem Erdhaus, das im Prinzip eine besondere Form des Passivhauses ist, sei etwa die Luftdichtheit sehr wichtig gewesen. Undichtigkeiten würden das Konzept ins Wanken bringen, weil dadurch der Energieverbrauch steigt. Die Fenster beispielsweise müssten nicht nur dreifach verglast, sondern auch exakt verbaut sein. “Der dickste Fellmantel bringt nur die Hälfte, wenn der Reißverschluss auf ist”, sagt Sengotta.

Für sein kleines Häuschen in Günzburg, drei Zimmer, rund 75 Quadratmeter Wohnfläche, kalkuliert Robert Sengotta für Heizung, Warmwasser und Lüftung monatliche Kosten von 25 Euro. Die Temperatur hält er in der Regel bei 21 bis 22 Grad, wenn er im Haus ist – zum Heizen reichten ihm ein Ethanolofen oder ein Gas-Katalytofen sowie Teelichter. “Die Kosten für Instandhaltung einer Heizungsanlage spare ich mir also auch.”

Bebauungspläne als Hindernis

Eigentlich war Sengottas Plan, vom Erdhausbau zu leben. In unmittelbarer Nachbarschaft zum eigenen Häuschen hat er Mitte der 2000er-Jahre drei weitere baugleiche Erdhäuser hochgezogen und sie verkauft. “Danach ging es aber nicht mehr weiter.” Und das lag nicht daran, dass der Kundenkreis zu klein gewesen sei, sagt er. Das Problem sei vielmehr, das Interessierte keine Baugrundstücke finden, wo sie so ein Erdhaus hochziehen dürfen.

Viele Bebauungspläne, in denen zum Teil sogar die Form der Dachziegel und die Art der Einfriedung festgelegt seien, sähen das nicht vor und auch in Wohngebieten, wo es keinen Bebauungsplan gebe, werde oft eine Anpassung an die Umgebung verlangt. Ein Erdhügel mit Fenstern fällt hier meist durch das Raster. Stadt- oder Gemeinderäte lehnen eine Sondergenehmigung dafür oft ab.

Bauvorschriften oft nicht zeitgemäß

Bei den genehmigenden Behörden herrsche häufig ein relativ konservatives System vor, kritisiert auch FNR-Experte René Görnhardt. “Geben sie ein Baufeld frei, haben sie oft eine bestimmte Vorstellung im Kopf, was dort stehen muss.” Abweichungen müssten danach häufig im Einzelfall genehmigt werden. “Das sollte man vorher klären”, rät er, “vor allem bei Erdhäusern oder kleinen Tiny Houses”.

Görnhardt kritisiert: Viele Bauvorschriften lassen keinen Spielraum zu und werden dem jetzigen Bedarf nicht gerecht. Und Robert Sengotta weiß aus eigener Erfahrung: “Es kann sehr anstrengend sein, sich so einen exotischen Wunsch zu erfüllen.”

Strohballen gegen Beton-Mauersteine, Lehm- gegen Kunstharzputz: Wer die Ökobilanzen verschiedener Baustoffe vergleichen möchte, kann im Netz auf die Datenbank “oekobaudat.de” zurückgreifen – die wird vom Bauministerium betrieben und bietet mehr als 1200 Datensätze zu verschiedenen Baustoffen.

Doch die Datenbank hat aus Expertensicht auch Schwächen. Ökobilanzielle Daten, wie sie etwa in der Ökobaudat enthalten seien, geben selten Auskunft zum gesamten Lebenszyklus eines Produkts, erklärt Anna Wolff von der Deutschen Umwelthilfe. Dass zum Beispiel einige Bau- und Dämmstoffe wiederverwendet werden können, wird aus Sicht der Expertin nicht ausreichend berücksichtigt. Für Verbraucher seien die Ökobaudat-Daten eher nicht geeignet, so Wolff.

Hilfreicher ist aus ihrer Sicht die Wecobis-Baustoffdatenbank, die vom Bauministerium und der Bayerischen Architektenkammer unterhalten wird. Zudem stellt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe online Broschüren zu nachwachsenden Baustoffen und Dämmstoffen bereit – die Deutsche Umwelthilfe ebenfalls.

Quelle: https://www.n-tv.de

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